Fragen an einen alten Mann

23. Juli 2011

Der Chefredakteur einer führenden intellektuellen Wochenzeitung lässt sich in seinem eigenen Blatt die Welt von einem Greis erklären. Verstehen Sie das, Herr Schmidt?

Lieber Herr Schmidt, wissen Sie eigentlich alles?

(überlegt kurz) Ich denke ja.

Wo sehen Sie sich in Ihrer Rolle als Mitherausgeber der ZEIT?

Grundsätzlich auf Seite 1. (schaut tadelnd) Manchmal leider nur auf Seite 2 oder 3. Außerdem selbstverständlich im Magazin. In der Interview-Reihe. Wenn Sie mich nett bitten auch als geschätzter Autor im Politik-, Wirtschafts-, Kultur- und Literaturteil.

Sie waren schon immer Lotse in stürmischen Zeiten. Danke, dass Sie uns weiterhin in regelmäßigen Gesprächen zur Verfügung stehen.

(blickt sinnierend vor sich hin) Ja, dafür bin ich da. Außerdem haben Sie mir ein schönes Büro hier im Verlagshaus eingerichtet, das ist netter als im betreuten Wohnen.

Sind Ihnen materielle Werte wichtig?

(klammert sich am Schreibtisch fest) Nein, eigentlich überhaupt nicht.

Früher haben wir uns an dieser Stelle “auf eine Zigarette” getroffen, dann wurde das Format der Interview-Reihe geändert. Vermissen Sie das Rauchen?

(ascht) Wieso, ich rauche doch weiterhin die ganze Zeit. Nur für’s Foto nicht mehr, damit es ins Image der Zeit passt.

Der Zeit oder der ZEIT?

(grinst breit) Ach mein lieber Herr di Lorenzo, Sie sind heute wieder so feingeistig.

Finden Sie? Was muss ich denn noch tun, um einmal so hochgeschätzt zu werden, wie Sie es sind?

(unterdrückt mit Mühe einen Hustenanfall) Das ist leider unmöglich. Sie können sich aber immerhin glücklich schätzen, regelmäßig mit mir sprechen zu dürfen.

Das bin ich. Aber was sollen wir bei der ZEIT bloß machen, falls Sie eines Tages sterben?

(entrüstet) Sofort aufhören.

Dürfen wir vorher noch drei Sonderausgaben mit Erinnerungen an Ihr Leben drucken?

(überlegt nicht) Davon gehe ich aus. Aber dann ist Schluss.

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2 Kommentare zu Fragen an einen alten Mann

  1. [...] vom alten Mann: Wer glaubte, Helmut Schmidt habe den Zenit seiner Medienpenetranz bereits erreicht, wird immer [...]

  2. [...] Herr Schmidt, vor einigen Monaten haben wir uns an dieser Stelle darüber lustig gemacht, dass die ZEIT sich ständig und in aller Ausführlichkeit mit Ihrer Person beschäftigt. Damals [...]

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