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1. Mai 2006

Es ist eine uralte Idee. Bezahlen für Ansehen, Bekanntheit, Ehre, Unsterblichkeit: “Diese Bank wurde gestiftet von Erna Friedewald.” In Parks und Erholungsgebieten sind sie häufig zu finden, kleine Widmungsschildchen, die an die großzügigen Gönner erinnern. Ist es nicht Erna Friedewald, Ehepaar Mönter oder der “Verschönerungsverein Klein Wiehrshausen”, ist es bald die “Sparkasse Göttingen seit 1801″ oder auch mal der örtliche Malerbetrieb Müller.

Dieser einstmals harmlose Brauch eines privaten oder regionalwirtschaftlichen Stiftertums heißt inzwischen Public-Private-Partnership oder Sponsoring und ist zunehmend dabei, Sprache, Tradition und kulturelles Erbe zu kommerzialisieren.

Ich gestehe, nicht unvoreingenommen über dieses Thema sprechen zu können. Als kleiner Junge lockte mich die Zeitschrift “Mickey Mouse”, die ich sonst nie kaufte, mit dem Angebot, durch den Kauf des Heftes 1 qkm Regenwald vor der Abholzung zu retten. Im Heft enthalten war eine Besitzurkunde über selbige Fläche in Südamerika – von der ich bis heute nichts mehr erfahren habe. Nicht auszuschließen, dass vom Holz ihrer Bäume neue Mickey-Mouse-Hefte gedruckt wurden…

Besonders offensichtlich ist der Sponsor-Wahn im Sport. Nicht nur, dass die traditionellen Namen aus der Sprache ausgemerzt werden (Waldstadion, Volksparkstadion, Dreisamstadion) und allenthalben “Arenen” entstehen; nicht nur, dass die Fußballweltmeisterschaft FIFA WM 2006 (C) (R) (TM) usw. heißt (und ich gar nicht weiß, ob ich berechtigt bin, diese Markenbezeichnungen in diesem Text kostenfrei zu verwenden); heute habe ich den Höhepunkt dieses Quatsches gelesen: Die deutsche Tennismeisterschaft, einstmals “German Open” (weil sie in Germany stattfinden, logisch), heißen nun “QATAR TELECOM German Open”. Ich interessiere mich nicht für Tennis, aber ich denke ausschließend zu können, dass qatarische Spieler antreten – und die qatarische Telekom spielt im deutschen Kommunikationsverkehr auch eine bislang untergeordnete Rolle.

Neben dem Sport gibt es aber auch in anderen Bereichen seltsame Blüten des Marketings. In Markdorf (Baden), einer bislang wenig als Sponsoring-Metropole in Erscheinung getretenen Ortschaft im Bodenseekreis, können Klaviertasten erworben werden, um den neuen (gebrauchten) Flügel der Stadtgalerie zu finanzieren. Da er trotzdem weiterhin bespielbar sein soll, werden seine Tasten lediglich symbolisch verkauft (100€ bei politisch korrekter Gleichbehandlung schwarzer und weißer Tasten). Die Förderer erhalten eine Taste unbekannter Herkunft (Klavierschrotthandel), eine Urkunde und einen Eintrag auf einem “Schaubild”…

Bald wird es wohl heißen, Öffentlicher Nahverkehr, Bildung, Soziales und Kultur seien “nicht mehr finanzierbar”, ohne auf Sponsoren zurückzugreifen. In Bonn heißt die U-Bahn-Linie 66 bereits “Telekom-Express”. Was ist mit unseren Schulen? Brüder-Grimm-Schule? Otto-Hahn-Gymnasium? Womöglich Gesamtschule Nord? Das bringt kein Geld in Stadt- und Landeskasse, sondern nur ein falsches Weltbild in die Köpfe der Schüler, von einer Welt kommerzfreier Bildung. Stattdessen also bald: ** McPaper Grundschule ** TESA Bildungszentrum ** BURGER-KING-Gymnasium (mit entsprechender Kantinenverpflegung) **

Dann die sozialen Einrichtungen: Immer mehr Alte, immer weniger Geld für Pflege, ebenfalls immer weniger Kinder, trotzdem nicht genug Plätze in Tagesstätten. Die vermeintliche Lösung wird auch hier im Sponsoring gefunden werden: ** LIFTA-Seniorenresidenz ** PAMPERS Chill-Out-Paradise ** Krankenhaus unserer lieben RATIOPHARM und HEXAL **

Den Möglichkeiten des Geldverdienens sind also keine Grenzen mehr gesetzt. Kommunen blühen auf, Bürgermeister wissen nicht mehr wohin mit dem ganzen gesparten Geld. Und das, wo ohnehin gerade nach dem Vorbild Dresdens allerorten vom großen Geldsegen geträumt wird: Verkauf von städtischen Wohnungen an US-Rentenfonds und andere Investoren, alle Sorgen mit einem Mal verschwunden. Und nun auch keine Ausgaben mehr, da McPaper, Lifta und Burger King die Aufgaben übernehmen.

Einige Begriffe halten sich bei alledem hartnäckig im Sprachgebrauch und suchen noch Käufer/Sponsoren. Leider sind es Begriffe, die in dieser neuen Welt von PPP, Sponsoring und Markenrechten nur noch wenig Platz haben und daher kaum attraktive Posten bieten. Es sind dies Worte wie “Gemeinwohl”, “Sozialstaat”, “Demokratie”. Nun, über kurz oder lang werden sie entweder verschwinden oder doch noch interessierte Sponsoren finden, vielleicht wenigstens Billig-Bieter aus Fernost.

Welcome to the Sony Republic of Germany.

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2 Kommentare zu [ Sie können den Titel dieses Eintrags kaufen ]

  1. Christiane on 2. Mai 2006 at 18:07

    Das Beispiel von Markdorf (Baden) (Bodenseekreis) ist hier fehl am Platze, denn von menschenverachtender Kommerzialisierung kann man wohl nicht sprechen, wenn Privatpersonen sich für die Kunst einsetzen (und dies, wenn nötig, eben auch auf finanzielle Art)!!

    Ansonsten sehr amüsant zu lesen!

    Ergebenst…

  2. Konrad on 29. Juni 2006 at 14:56

    Typisch Baden-Württemberg, diese Klaviertastensache. Weil man sich da nämlich schon mindestens irgendwo wiederfinen möchte, wenn man ein Häppchen von seinem vielen Geld für dä Gullduuor ausgegeben hat.
    Namenloses Mäzenentum wäre natürlich viel ehrbarer und dezenter, aber es macht eben nicht soviel her und bei den Nachbarn kann man sich damit nicht als Kulturfuzzi etavlieren.

    Schöner Artikel! Wirklich! Ja, echt. Frag doch mal beim Spiegel, ob die noch Platz für ne Kolumne haben… So, ich muß weiter Hausarbeit schreiben!

    schöne Grüße,
    konrad

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