Ist hier noch jemand zugewandert?

14. Januar 2008

Die Polizei, in Frankreich wie in Deutschland, wird wohl abstreiten, Menschen mit ausländischen Gesichtszügen häufiger zu kontrollieren und genauer zu beobachten als solche mit europäischem Aussehen. Eine solche Diskriminierung von Ausländern, neudeutsch: Menschen mit Migrationshintergrund, ganzneudeutsch: Menschen mit Integrationspotenzial, wäre wohl kaum als offizielle Anordnung einzugestehen.
Deutlich sichtbar und ohne jeden Versuch, die Selektion per Hautfarbe und Gesichtszügen zu vertuschen wird dies jedoch jeden Tag in den sogenannten “internationalen” Zügen, beispielsweise zwischen Frankreich und Deutschland oder auch der Schweiz. Schengen-Raum oder nicht, in den meisten dieser Schnellzüge steigt kurz vor der Grenze die Polizei zu. Im ICE Frankfurt-Paris, der ab Saarbrücken nicht mehr hält, geschieht dies sogar bereits in Kaiserslautern und kann so auch innerdeutsche Reisende treffen. Die meisten Fahrgäste betrifft es jedoch nicht. Denkt man beim Einsteigen (“Passports please”) noch, es handele sich um eine allgemeine Kontrolle, können alle blonden mit heller Haut ihren Ausweis gleich steckenlassen. Mit schnellem Blick – und in perfekter deutsch-französischer Einigkeit – werden nur dunkelhäutig und fremdländisch aussehende Mitreisende kontrolliert. Spürbarer kann die staatliche Diskriminierung kaum dargeboten werden.
Im Nachtzug – typischerweise in Aachen – leuchtet die Polizei kurz ins Abteil, und wenn der Lichtschein von friedlich schlummernden, hellhäutigen Gesichtern reflektiert wird, bleibt man unbehelligt. Lautstark wird dagegen die Abteiltür aufgerissen und streng die Papiere verlangt, sobald die Hautfarbe “verdächtig” ist. Im internationalen TGV mit dem wohlklingenden Namen “Lyria” (Straßburg-Basel) habe ich auch schon erlebt, wie zwei südländische Männer genauestens verhört wurden, was sie in der Schweiz wollen und wielange sie bleiben. Obwohl ihre Papiere einwandfrei waren, und alle weiteren Reisenden völlig unbehelligt weiterfahren konnten. Verdächtig war allein ihre Hautfarbe.
Hier ist der alltägliche Rassismus, die Diskriminierung im Zwei-Stunden-Takt, die symbolische Stigmatisierung. Wer in der EU im 21. Jahrhundert grenzübergreifend kriminell aktiv sein will, braucht sich also nur eindeutig erkennbar (west)europäische Komplizen zu suchen.

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Ein Kommentar zu Ist hier noch jemand zugewandert?

  1. _yjv on 20. Januar 2008 at 23:16

    Das Stichwort ist hier wohl die “kriminalistischer Erfahrung”. Einen Kommentar vermag ich dazu nicht so recht abzugeben….

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