Ein-Schild-Politik

6. Februar 2008

Als sich in Frankreich “Ségo” und “Sarko” gegenüberstanden, mobilisierte das mehr Menschen als gedacht. In den USA sind es zur Zeit, wenn auch nur in den parteiinternen Vorwahlen, Clinton und Obama. Freudestrahlend verkündet Tom Buhrow – selbst lange USA-Korrespondent – in den Tagesthemen: “Von Politikverdrossenheit kann jedenfalls keine Rede mehr sein!” – Ist das politische Interessensbekundung? Ist das eine Auseinandersetzung mit Hintergründen und Konsequenzen? Oder doch nur ein Event mehr in der Medien-Gesellschaft, bis die nächste Fußball-WM ansteht oder das nächste Eisbärenbaby zur Welt kommt?
(Westliche)-Welt-weit ist die Politik auf Schilder sinnentleert. Synchron werden sie hochgerissen, wenn der Kandidat ein Stichwort ruft, oder wenn die Kameras “live drauf” sind. “Gerd”, “Guido”, “Wechsel jetzt”, “Die Mitte”, “Ségolène”, oder eben “Hillary”, steht dann da drauf. Massenmaterial, vor der Veranstaltung verteilt an die sogenannten Anhänger. Politik mit der Aussagekraft eines Fußballschals. Das massenhafte Hochrecken des rechten Armes, auf Kommando und reflexionslos, ist dem historischen Betrachter bekannt. Die heute ergänzten Schilder machen die Verdummung nicht politischer.

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11 Kommentare zu Ein-Schild-Politik

  1. yjv_ on 6. Februar 2008 at 22:01

    Angesichts der Themen, um die es in diesem expatriatierten Blog zuletzt ging (man betrachte etwa die letzten drei Einträge) ist die Kritik latent fragwürdig (wenn auch inhaltlich was dran sein sollte). Und wenn nun in Amerika sogar ZWEI Personen die gute Chance haben, die Art und politische Ignoranz des derzeitigen Präsidenten abzulösen, so heiße ich das jedenfalls willkommen. Das Politik nicht mit inhaltlicher politischer Arbeit zu tun hat, sollte einem langjährigen Studenten der gleichnamigen Wissenschaften nicht verborgen geblieben sein, oder?

  2. PH on 13. Februar 2008 at 16:01

    Im Kern ging es mir ums seit einigen Jahren seuchenartig verbreitete Schilder-Schwenken bei politischen Veranstaltung, die Reduzierung der Politik auf eine hochgehaltenen Namen bzw. ein Schlagwort.

  3. PH on 13. Februar 2008 at 16:03

    OK, das kann man kritisieren. Aber besser ein Schlagwort als überhaupt keine Meinung, findest du nicht?

  4. Reinhard Mey on 13. Februar 2008 at 20:01

    …Denn mir fehlt, um öde Phrasen
    abgedroschen, aufgeblasen,
    nachzubeten, jede Form von Lust.

    Und es passt was ich mir denke
    auch wenn ich mich sehr beschränke
    nicht auf einen Knopf an meiner Brust…

  5. McCain - more than Freedom Fries! on 21. März 2008 at 18:01

    Ich wollte nur noch kurz richtigstellen, – und der Fehler ist wohl auf unsere in Europa etwas einseitige Berichterstattung und deren unkritische Rezeption durch den Autoren des vorliegenden Artikels zurückzuführen – dass es in den USA nicht primär um eine Entscheidung zwischen Barack “Si se puede” Obama und Hillary “Now it’s my turn to suck cock in the oval office” Clinton geht, sondern um die zwischen John McCain und dem demokratischen Kandidaten. Alle drei möglichen Präsidenten täten übrigens meiner Meinung nach einen besseren Job als DabbYa Bush, auch wenn sicher keiner von ihnen eine 180°-Wende in der US-Außenpolitik vollzöge…

  6. PH on 22. März 2008 at 10:50

    Nun, Simon (anhand der Mailadresse entlarvt), dann muss ich aber richtigstellen – und der Fehler ist wohl darauf zurückzuführen, dass der Autor des Kommentars unbedingt den Science-Po-Studenten raushängen lassen will – dass es in dem kleinen Text nicht primär (eigentlich überhaupt nicht) darum geht, wer gegen wen antritt, sondern um die allgemeine Tendenz zur Simplifizierung der Politik durch Ein-Schild-Parolen. Ob das in den übermediatisierten Vorwahlen ist oder in den sicher nicht weniger mediatisierten “richtigen” im November, spielt dafür im Grunde keine Rolle.
    Dein Kommentar enthält also viel zu viel *Policy*, zumal es mir doch um die *Politics* ging (so lernt man das in PoWi an der TU Dresden, ich weiß nicht, ob Science Po dieser Einordnung folgt, oder ihre eigenen Begriffe geprägt hat).
    Damit, wer den Artikelkern missversteht, mir aber nicht mehr vorwerfen kann, die Medien hätten mich derart verdummt, dass ich McCain vergesse, habe ich einen erläuternden Satz in den Text eingefügt, für alle Fälle und für Science Po Paris.

  7. Monsieur Simoise on 22. März 2008 at 15:02

    Nun, Philipp, das habe ich schon gemerkt, dass es Dir nicht primär um die Präsidentschaftswahlen in den USA geht, sondern um einen pauschalen kulturkritischen Kommentar am durchökonomisierten und werbungs- sowie wettbewerbsdurchdrungenen, ideologiefreien Politikstil. Das heißt dann aber doch nicht, dass man es mit der Genauigkeit im Ausdruck nicht mehr so genau nehmen muss. Im übrigen ist mir die Trias der politikwissenschaftlichen Untersuchungsaspekte polity, policy, politics durchaus bekannt; ich möchte aber infragestellen, ob die etwaige Entscheidung zwischen Obama und McCain wirklich eine policy-Frage (Inhalt) würde, und nicht doch auch zu großen Teilen eine Frage der politics (Stil, Prozess)! Ebensogut könnte man entgegenhalten, dass es doch auch in den Vorwahlen um policy geht – wenn auch in manchmal vereinfachten Slogans. Um abschließend noch eine positive Aussage zu treffen, und nicht nur zu relativieren, möchte ich meine Meinung kundtun, dass es in diesem US-Wahlkampf sogar besonders ausgeprägt um Inhalte geht: klare Abgrenzung vom Irakkrieg (alle), mehr Sozial- und Minderheitenpolitik (Obama), mehr Clinton (Clinton), Ende der Partisanenkämpfe (McCain, Obama). So.

  8. PH on 23. März 2008 at 22:08

    Es freut mich, dass auch an großen Écoles für Politikwissenschaft unser Dresdner Wissen anerkannt wird.

    “Mehr Clinton (Clinton)” – dieser *Inhalt* gefällt mir besonders ;-)

    Abgesehen von alledem und allen konkreten Wahlkampf-Inhalten, die – irgendwo hinter den Schildern – natürlich existieren, ging es hier ursprünglich nur ganz allgemein darum, wie hier von oben (oft einheitliche Schilder, die auf Wahlkampfveranstaltungen verteilt werden) vereinfacht wird. Das erinnert mich, Simon, an Deine Erfahrung bei der Sarko-Show, wo Du ein entsprechendes T-Shirt tragen musstest, um im vorderen Block zwischen den Jeunes-UMP [JU!]-Vertretern sitzen zu dürfen.

  9. _yjv on 11. April 2008 at 04:05

    Zum Thema “ideologiefreie Politik” (welche hier für die USA reklamiert und – so meine ich es herauszuhören – kritisiert wird) möchte ich doch gern fragen, ob denn das Gegenteil (welche z. B. in Deutschland durchaus noch von einer im Bundestag vertretenen Partei praktiziert wird) wünschenswerter wäre. “Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen”, hat dazu gelegentlich jemand anders kommentiert. Das ist jetzt kein Plädoyer fürs Sprücheschreien (welche bedenklich zunimmt, vermutlich weltweit), sondern einfach die Frage, ob die politische Einstellung, für die ein Kandidat steht, nicht auch “klar und deutlich, aber stets pragmatisch” sein kann. Und ob nicht in dem Fall sogar Fahnenschwenken (als allgemeine Zustimmung) zugelassen werden kann, ohne sich dem Vorwurf der Beliebigkeit aussetzen zu müssen.
    Und wo dahingehend der Unterschied zwischen policy und politics (welche im übrigens durchaus auch auf einem ur-niedersächsischem Gymnasium gelehrt wird) relevant ist, erschließt sich mir noch nicht. So weit.

  10. PH on 15. April 2008 at 20:20

    Tatsächlich, das hast Du in der Schule gelernt? Der Unterschied war hier nur erwähnt worden, um zu betonen, dass es im Text um die generelle Wahlkampf-Simplifizierung geht, unabhängig ob Vor- oder richtige Wahlen und unabhängig eben auch vom konkreten Thema. Sind wir durch…?

  11. _yjv on 16. April 2008 at 04:02

    Das war ja auch bei mir nur ein Nebenpunkt. Insofern sind wird dann in der Tat durch.

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