Irgendwo in Afrika?

25. Januar 2011

von unserem Reporter vor Ort

Noch prangt das Konterfei des Königs auf den Briefmarken und Münzen dieses kleinen, gespaltenen Staates im Westen des ohnehin von zahlreichen Krisen geschüttelten Kontinents. Doch nach nunmehr neun Monaten ohne Regierung macht das böse Wort vom „failed state“ die Runde. Noch hält eine nach archaischen Strukturen funktionierende Verwaltung das Land notdürftig zusammen, doch die Gesellschaft fällt auseinander: Wo sich nicht gleich ganze Bevölkerungsgruppen gegeneinander stellen, flüchtet sich die leidgeprüfte Bevölkerung, bei wachsender Arbeitslosigkeit, ins Private. Der einzige florierende Sektor, berichtet eine der letzten unabhängigen Zeitungen der Hauptstadt, sei das Brauereigewerbe, mit einer nach wie vor die Bevölkerungszahl um ein vielfaches übersteigenden Sortenvielfalt. Die Folgen sind Alkoholmissbrauch, gemeinsam mit der landesüblichen fetthaltigen Küche eine Katastrophe für das ohnehin marode Gesundheitssystem.

Doch das sind nur vergleichsweise harmlose Vorboten kommender Konflikte, wie sie renommierte Politikwissenschaftler prognostizieren. Separatistische Bewegungen haben seit Jahren massiven Zulauf. Rund um die Hauptstadt tobt bereits heute der Kleinkrieg teilweise zwischen einzelnen, verfeindeten Gemeinden. Mitglieder anderer Ethnien oder Sprachgruppen leben in ständiger Bedrohung, nur die traditionell lethargische politische Kultur der dort lebenden Bürger hat bislang Pogrome verhindert.

Wir alle wissen, dieser „failed state“ befindet sich in einer Region, wo in der Vergangenheit immer wieder blutige Konflikte ihren Ursprung gefunden haben. Gerade seine unwegsamen Mittelgebirgsregionen waren immer wieder Schauplatz militärischer Offensiven, mit Auswirkungen auf den gesamten Kontinent. Seit einiger Zeit war es in dieser Weltregion ruhig geworden; internationale Beobachter hatten sich angesichts einiger zwischenstaatlicher Abkommen optimistisch geäußert. Gerade die Etablierung eines Staatenverbundes sollte, so die Hoffnung, dieses historische Pulverfass dauerhaft befrieden. Da die Noch-Hauptstadt des nun von Unruhen geschüttelten Staates zugleich Sitz zahlreicher Institutionen des genannten Staatenverbundes ist, droht ein Übergreifen der Krise auf die gesamte Region. Trotz der Präsenz von Lobbyisten zahlreicher Nichtregierungsorganisationen läuft die internationale Hilfe bislang schleppend.

Extremistische Bewegungen gewinnen seit Jahren an Einfluss, während weite Teile der Bevölkerung in politischer Agonie leben, nachdem sie jahrelang ohnmächtig den ergebnislosen Auseinandersetzungen innerhalb einer völlig entfremdeten politischen Elite. Wer diese Entpolitisierung der Bevölkerungsmehrheit überwinden könne, warnen internationale Beobachter, habe schnell die Macht über die Massen. Mit besonderer Aufmerksamkeit blickten sie daher auf eine Demonstration gemäßigter Kräfte, die eine endlich wieder funktionierende Staatsgewalt fordern. Dass diese Forderung erst jetzt, nach einem Dreivierteljahr, artikuliert wird, stellt die desolate Lage der Zivilgesellschaft eindrucksvoll unter Beweis. Zahlreiche Diplomaten begrüßten allerdings, dass entgegen aller Gewohnheit herkömmlicher Wutbürger hier einmal für eine Regierung demonstriert werde.

von unserem Sonderkorrespondenten aus der Krisenregion B.H.V., zur Zeit Brüssel

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