Verlorene Unschuld vor Gericht

29. Mai 2008

Seit Wochen berichten auch seriöse französische Nachrichten minutiös von den Details der Perversitäten des Serienmörders Michel Fourniret. So etwa auch, dass er es als seinen Antrieb angab, bisher alle seine drei Ehefrauen nicht mehr als Jungfrau kennengelernt zu haben und deshalb so gierig nach solchen suchte. Kaum ist Fourniret verurteilt, steht schon wieder das – fehlende – Jungfernhäutchen im Mittelpunkt der medialen Diskussion. Allerdings: Diesmal ist der voyeuristische Aspekt weniger interessant, dafür sehen Kritiker die Grundfesten der französischen Republik und ihrer einheitlichen Werte gefährdet, insbesondere die Laizität.
In Lille wurde gerichtlich eine Ehe aufgelöst, der Klage des Mannes stattgebend, weil seine junge Frau nicht mehr Jungfrau war, anders, als sie es ihm zuvor versichert hatte. Feministinnen und Politiker sind schockiert und sprechen davon, das nordfranzösische Gericht habe die Gesetze der Republik beleidigt und nach der Scharia entschieden; schließlich handelt es sich um ein muslimisches Paar (wobei die Medien eilig betonen, beide kämen aus gebildetem Milieu). Verurteilt wurde, natürlich, immerhin bleibt das Gericht in Frankreich, nicht die Tatsache des vorehelichen Verkehrs, sondern die bewusste Lüge der Frau um die Ehe zu “erschleichen”. Entscheidend war dabei, dass das Gericht die vorgetäuschte Unschuld als “Lüge bezüglich einer essentiellen Qualität” definierte, ähnlich also wie im Falle von verschwiegenen Gefängnisstrafen oder Bigamie.
Darf man über soviel Rückständigkeit, über so viel Unterdrückung der Freiheit der Frau empört sein? Seitens des Gerichts, oder seitens der studierten, in Europa lebenden Muslime? Oder zeigt man damit eben gerade die mangelnde Toleranz gegenüber dem Islam, dem – nicht als einziger Religion bekanntlich – die jungfräuliche Eheschließung eben essentielles Kriterium ist? Schwerer als diese philosophischen Überlegungen wiegt wohl das Argument einiger Ärzte, die von verzweifelten jungen Frauen berichten, die sich ihr Hymen operativ erneuern lassen wollen, aus Angst vor Mann und Familie. Genug Stoff für weitere detailreiche Berichte in den Hauptnachrichten; die Aufklärung, in jederlei Hinsicht, hier existiert sie noch.
Übrigens: Während allenthalben das Gericht kritisiert wird und die Frage der Diskriminierung, der beschämenden öffentlichen Demütigung der Frau diskutiert wird, lässt die gut konservative Rheinische Post, “Zeitung für Politik und christliche Kultur”, in ihrer Schlagzeile erahnen, worin für sie der Skandal besteht: “Gattin täuschte Jungfräulichkeit vor”.

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