Freiburger Ausfallerscheinungen

13. November 2008

Gestern morgen musste die große weite Welt zitternd miterleben, wie in einer kleinen heilen Welt einmal etwas ganz, ganz Schlimmes passierte: Für ganze 45 Minuten fiel der Strom aus. In Freiburg! Und in einer Stadt, von der man immer dachte, dass hier mindestens jeder zweite eine Solarzelle auf dem Kopf und ein kleines Windrad im Ohr hat, waren die Menschen fassungslos.

Was war passiert? Ein Liebesgruß aus Fessenheim an die studentisch-subversiven AKW-Gegner? EnBWs Rache an die Hauptstadt der Biogassammler, Photovoltaik-Fetischisten und Wärmedämmer? Oder hatte der Oberbürgermeister über Nacht den kommunalen Energieversorger an die Lehman Brothers verkauft?

Zum Glück waren rasende Reporter sofort zur Stelle, sodass die schockierte Lokalpresse wortreich zu berichten wusste, wie “weite Teile” (Badische Zeitung) der Stadt “völlig lahmgelegt” (BZ) waren, Menschen “verstört” (BZ-Online) auf den Straßen standen, Straßenbahnen “mitunter” (BZ vor Ort) stehen blieben, Notarztsirenen “vereinzelt zu hören” (BZ-live) waren, “zahlreiche” (BZ-Extra) Schutzpolizisten in der “gesamten Innenstadt” (BZ-Video) besondere “Präsenz zeigten” (BZ-Stromausfall-Sonderbeilage), während sich in Haslach-Weingarten marodierende Banden formierten, um die Alnatura-Filiale in der Vauban zu plündern (Meldung bislang unbestätigt). Geistesgegenwärtig hielten die Reporter zudem diesen historischen Moment fotographisch fest: Stillstehende Straßenbahnen, herumstehende Kunden, strammstehende Polizisten. Mit beeindruckender Kreativlosigkeit wurde hier die Herausforderung angegangen, das Bild der Dunkelheit am hellichten Tage einzufangen.

Hier die wichtigsten Stimmen zu den dramatischen Minuten:

“Ich wollte einen grünen Tee aufbrühen, aber das Wasser wurde einfach nicht warm. Zum Glück hatte ich noch einen Mate-Instant-Gemisch im Keller, allerdings war dies nicht aus fairgehandelten Zutaten. Ich weiß nicht, wie ich das heute abend meiner Lebensgefährtin erklären kann” (Ingo B.-S., Vauban, Yoga-Lehrer und Ernährungsberater [z.Zt. in Elternteilzeit]).

“Ich saß in der Straßenbahn zur Stadthalle, weil dorthin zur Zeit die Unibibliothek ausgelagert ist. Die Linie 1 fuhr als einzige problemlos, allerdings möchte ich unsere Forderung wiederholen, diese Strecke für Studenten kostenlos anzubieten” (Fridolin Z., Stühlinger, u-asta Referent für Mobilität und Barrierefreiheit).

“Erst dachte ich, meine Mieter hätten in ihrer WG wieder zuviele Videospiele gleichzeitig laufen, obwohl sie dafür in ihren 10qm-Zimmern eigentlich gar keinen Platz und bei der monatlichen Kaltmiete von 380€ eigentlich auch kein Geld haben dürften” (Doris Sch., Unterwiehre, Beauftragte für Gewinnmaximierung, Freiburger Vermieterkartell).

“Ich hörte gerade mein Lieblingslied von Tocotronic, als bei der Zeile ‘und Ihr demonstriert Verbrüderung‘ plötzlich der Ton ausging. Vielleicht ein Wink des Schicksals?” (Peter H., Zugezogen, Anonyme Freiburg-Skeptiker e.V.).

“Mer hen de Schul schwänse wolle wei wo wege de Bildungsreform wo de Leud heud demonschtriere gange sin un eh ka underischt gwese isch wollt ich schobbe gehe weil mei schuh net mer hebet fürn Winder, weischt wie ich mein, un weils zu Freiburg mehr Gschäfde hat. Aba: Alle Läde zu, blöde Ögos!” (Mario W., Herbolzheim, Gesamtschüler).

“In meinem Exzellenzcluster möchte ich dieses Phänomen von Raum und Zeit abstrahieren und im Spannungsfeld postmoderner Energietheorien untersuchen” (Dr. Leon H., Herdern, Senior-Jollygood-Fellow [Freiburger Institut für den Ausfall von Strom - FRIAS]).

“45 Minuten ohne Internet und ohne Telefon. Das bringt mich auf eine total gute, ganz neue Idee für meine Kolumne” (Marc R., Kollegiengebäude IV, Nachwuchsexperte für Totalausfälle).

Realsatire zu diesem ungemein brisanten Thema gibt es unter: BZ: Freiburg ohne Saft und insbesondere im Blog “Wie haben Sie den Stromausfall erlebt?”; passend dazu fotografische Zeugnisse dramatischer Ideenausfälle.

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Ein Kommentar zu Freiburger Ausfallerscheinungen

  1. _yjv on 13. November 2008 at 23:49

    Köstliche Satire (wie auch der Landesunkundige beim Erreichen des Wortes “Gesamtschüler” sofort merkt).
    Indes warne ich vor Verhamrlosung: Bei gleichartigen Umständen in der (badischen) Hauptstadt im Januar 2008 (“De alde Leidunge hebbes nimmer”) waren die verstörten Menschen auf den Straßen durchaus real. Und auch die Geschäfte in Downtown Neureut wurden schnell geschlossen (zu Plünderungen kam es im folgenden nicht).

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