Freier Tod für freie Bürger

22. Oktober 2010

Vor nicht einmal 40 Jahren benutzten in der Bundesrepublik Deutschland nur rund 15% der Fahrer auf Autobahnen und kaum mehr als 5% im Stadtverkehr Sicherheitsgurte. Die VDI-Nachrichten (28.3.1973) widmen sich den psychologischen Hintergründen:

“Warum ‘ein so überzeugendes Sicherheitsinstrument wie der Gurt nicht von sich aus auf die Bereitschaft der meisten Kraftfahrer trifft und … das verbreitete Desinteresse am Gurt trotz intensiver Aufklärungsversuche bisher nicht durchbrochen werden konnte’, hat ein Team von Kölner Verkehrspsychologen im Auftrag der Bundesanstalt für Straßenwesen untersucht. [...]

Es zeigte sich, daß die sachliche Information [...] nicht ausreicht, um eine tiefwurzelnde, tiefenpsychologisch fundierte Abneigung eines großen Teils der Kraftfahrer gegen den Gurt zu überwinden. [...] Er erinnert allein durch sein Vorhandensein im Auto – und immer erneut beim Anlegen bei Fahrtbeginn – an etwas, was die Mehrzahl der Kraftfahrer am liebsten verdrängen möchte: an die mit dem Autofahren stets verbundene Unfallgefahr.

Er stört damit vor allem die im Laufe der eigenen Fahrpraxis aufgebaute ‘Fahrwelt’ jenes größeren Teils der Kraftfahrer, für die das Autofahren in erster Linie ‘Ausleben’ der eigenen Persönlichkeit bedeutet, also Lustgewinn, Selbstbestätigung, Prestige. Diese Fahrer sehen den Gurt als ‘tantenhaft’, ‘ängstlich’, ‘pedantisch’, ‘spießbürgerlich’, ‘konformistisch’. [...] Er ist – unterbewußt – für sie das ihre euphorische Fahrwelt störende ‘Realitätsprinzip’. [...]

Mit welchen Maßnahmen die emotionale Gurtphobie wirksam überwunden werden kann, wird zur Zeit in einer weiteren Untersuchung ermittelt.”

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Ein Kommentar zu Freier Tod für freie Bürger

  1. yjv_ on 1. Dezember 2010 at 00:06

    Man sollte in ähnlicher Weise wie über das ungegurtete Fahren über die “Radwegebenutzungspflicht” nachdenken. Wie wärs in 20 Jahren mit dem Auffinden historischer Parallelen?

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