Telefonisch von der Entscheidung unterrichtet

31. Mai 2010

Es gibt zwei Gespräche, bei denen ich heute gern zugehört hätte. Das eine bleibt, wie jeden Abend, ein Rätsel: Was sagt die gestikulierende Nachrichtensprecherin nach den Tagesthemen zum lässig-interessiert blickenden Tom Buhrow, während die Kamera rausfährt? Das zweite Gespräch, floskelhaft als telefonische Unterrichtung der Frau Bundeskanzlerin vermeldet, konnte hingegen wie folgt rekonstruiert werden:

Bürochefin der Bundeskanzlerin: Frau Merkel, da ist ein Herr, äh, Moment, Köhler in der Leitung, der Sie dringend sprechen möchte.

Merkel: Köhler? Hat der einen Termin?

Büro: Soweit ich sehe nein, soll ich ihn abwimmeln?

Merkel: Worum geht es denn?

Büro: Das möchte er Ihnen persönlich sagen, es sei sehr wichtig. Er könne aber sonst auch zuerst Herrn Westerwelle…

Merkel: Nein, nein. Stellen Sie sofort durch!

Büro: Sofort.

Merkel: Merkel, guten Tag?

Köhler: Ja, hier ist das Bundespräsidialamt, Köhler am Apparat.

Merkel: Ach Herr Köhler, ja, lange nichts von Ihnen gehört. Zurück aus Afghanistan?

Köhler: Ja, deshalb rufe ich an.

Merkel: Mensch, das ist ja schön, dass Sie sich melden. Sie hätten mir ja ruhig mal eine Postkarte aus Masar-e Scharif schicken können!

Köhler: Diese Kritik entbehrt jeder Rechtfertigung. Sie können sich ja gar nicht vorstellen, was da los war, und so viele Soldaten! Sind Sie schonmal dagewesen?

Merkel: Immer nur kurz übers Wochenende. (Pause) Sie wollten mich sprechen?

Köhler: Ja. Wissen Sie, erinnern Sie sich an Roland Koch?

Merkel: Leider, ja, aber da ist ja nun bald Ruhe.

Köhler: Ja genau. Was ich Ihnen nämlich sagen wollte, also was Koch da vor einigen Tagen angekündigt hat…

Merkel: Moment, wenn Sie den zurückholen wollen, ohne mich! Den lassen Sie mal schön draußen aus der Politik.

Köhler: Aber nein, das wollte ich doch gar nicht. Ich bedaure, wenn es in dieser Frage zu Missverständnissen kommen konnte. Es ist nur so…

Merkel: Ja nun sagen Sie schon.

Köhler: Es war mir eine Ehre.

Merkel: Wie bitte?

Köhler: Entschuldigung, ich bin in der Zeile verrutscht.

Merkel: Lesen Sie beim Telefonieren immer ab?

Köhler: Dies gebietet der notwendige Respekt für mein Amt.

Merkel: Hören Sie, ich plaudere sehr gerne mit Ihnen, man hört ja auch so selten von Ihnen, aber ich muss noch einige wichtige Telefonate führen, Sie wissen schon, Israel.

Köhler: Sicher, vielen Dank, dass Sie mir etwas Zeit geschenkt, mir Ihr Vertrauen entgegengebracht und meine Arbeit unterstützt haben.

Merkel: Ist doch selbstverständlich, so von Verfassungsorgan zu Verfassungsorgan. Haben Sie noch etwas auf dem Herzen?

Köhler: Frau Merkel, ich erkläre hiermit, dass ich den Hörer des Bundespräsidialamtes jetzt auflegen werde — mit sofortiger Wirkung!

Merkel: Ich akzeptiere Ihre Entscheidung. Auf Wiederhören.

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2 Kommentare zu Telefonisch von der Entscheidung unterrichtet

  1. Konrad on 15. August 2010 at 12:14

    oh, das ist so schön! ich musste sehr kichern.

  2. [...] schon wieder”, habe die Regierungschefin in Erinnerung an Ende Mai 2010 verlauten lassen (berichtenswert berichtete), zumal es ja nicht leichter geworde sei: “Wen sollen wir denn jetzt noch vorschlagen?” [...]

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