“Sie gehörte zum Stadtbild”

28. Dezember 2007
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Gedenken in der Theaterstraße in der Göttinger Innenstadt…

Stille Nacht in der Theaterstraße, auch einen Tag nach Weihnachten. Die Festdekoration leuchtet noch. Leichter Dezemberwind weht durch Göttingen und lĂ€sst die Kerzen flackern, die zu Hunderten hier aufgestellt sind. Sie tauchen die alten BĂ€ume und die Villa des Finnisch-Ugrischen Seminars der UniversitĂ€t in ein warmes Licht. Die wenigen Passanten, die noch unterwegs sind – zumeist junge Kneipenheimkehrer und Ă€ltere Hundebesitzer – halten inne. Radfahrer bremsen, mitunter halten auch Autos am Straßenrand an. Zwischen den Kerzen stehen frische Primeln, RosenstrĂ€uße, Lilien hĂ€ngen am Stamm der alten Tanne, KrĂ€nze – und eine TĂŒte vom BĂ€cker gegenĂŒber. “Die war immer da, immer war sie hier” sagt eine junge Frau zu ihrer Freundin.

Am Nachmittag des 24. Dezember strömen hier, durch die Theaterstraße, die KirchgĂ€nger aus den Wohngebieten der Oststadt und von den ParkplĂ€tzen am Rande der Innenstadt zu den Christvespern der großen Innenstadtkirchen. Ihnen entgegen hetzen die letzten WeihnachtseinkĂ€ufer. Gegen 15h30 wurde hier, im Hinterhof einer Villa, ein Mensch erstickt. Eine obdachlose Frau, die seit Jahren oder Jahrzehnten vor diesem Haus ihre Tage verbrachte. Offensichtlich geduldet von der UniversitĂ€t, auf dessen GelĂ€nde sie ihre Habe verteilte, im GestrĂŒpp in zahllosen TĂŒten, in den Ästen ihre Kleidung. Noch heute Nacht weht ein Hemdchen im Wind. Der Rest, die RucksĂ€cke und Taschen, die Klamotten sind verschwunden. Wer war die Tote? “Neta” nannte sie sich offenbar, lĂ€sst ein Trauergruß erahnen. Petra Maring hieß sie, erfĂ€hrt man aus der Predigt in der vollbesetzten Jacobi-Kirche, die zum Gedenkgottesdienst geladen hat. Gelernte Zahnarzthelferin aus der NĂ€he von Duderstadt, verrĂ€t die Zeitung. 49 Jahre alt.

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… Am Heiligabend wurde hier in einem Innenhof eine obdachlose Frau von einem Betrunkenen sexuell bedrĂ€ngt und erstickt.

“Sie gehörte zum Göttinger Stadtbild” heißt es in der Presse. Eine sehr sozialromantische Umschreibung fĂŒr gesellschaftlich Isolierte, die allein durch ihr Anderssein auffallen: Die vor sich hin murmelnde Obdachlose, der kauzige Stadtstreicher, ein unermĂŒdlicher Straßenmusiker. Es ist eine seltsame Art der Prominenz, “zum Stadtbild” zu gehören. Wer nicht so spektakulĂ€r aus dem Leben gerissen wird wie Petra Maring verschwindet einfach, wird vergessen. Zum Stadtbild zu gehören, heißt, geduldet zu sein, vielleicht mit einem Schmunzeln, vielleicht aber auch mit einem NaserĂŒmpfen. Zum Stadtbild gehören Objekte, Fassaden, Verkehrsmittel. Wenn Personen dem Stadtbild zugeordnet werden, heißt das nicht, das sie in die Gesellschaft aufgenommen werden. Nicht selten kann es im Gegenteil eine Form der Ausgrenzung sein.

Petra Maring gehörte zum Stadtbild, weil fast jedem Göttinger in dieser zentralen Straße zwischen Innenstadt, Theater und Stadthalle wohl mehr als einmal die große, langhaarige Frau aufgefallen sein wird. Doch so mancher hat die Straßenseite gewechselt, aus Unsicherheit, schlechtem Gewissen, oder Ignoranz. Abgeschreckt von der wilden Gestalt, ihren SelbstgesprĂ€chen, ihrem schnellen Auf- und Abgehen. Manche haben mit ihr gesprochen, haben sie respektiert und etwas kennengelernt. Sie sind es, die ihr nun in Folien geschĂŒtzte Texte hinterlassen haben; persönliche GrĂŒĂŸe, die neben der Titelseite des Göttinger Tageblatts im Efeu liegen und im GebĂŒsch hĂ€ngen:

“Jeden Tag auf dem Weg zur Arbeit und nach Hause kam ich an Ihnen vorbei, machte mir Sorgen um ihre Gesundheit, sah ich Sie beim BĂ€cker, im Kiosk”, “Sie waren ein StĂŒck Göttingens” und “Sie haben immer um einen Euro gebeten, ‘nicht fĂŒr Alkohol, nicht fĂŒr Drogen’”. Auffallend höflich sei sie gewesen, ist den Texten zu entnehmen, habe immer mit “Madame” geantwortet. Und immer wieder steht die Frage: “Warum?”

Bei der Schlagzeile “Obdachlose ermordet” geht der erste Gedanke inzwischen an Rechtsradikale, brutale Banden die sich besonders gern hilfose Opfer aussuchen, als lebensunwert beschimpfen und schon mehrfach bestialisch zu Tode getreten haben. Dass es hier nicht so war, macht die Tat nicht weniger tragisch, nicht weniger sinnlos. Darf man nun erleichert sein, pervers erleichtert, dass es “nur” ein Betrunkener, ein einschlĂ€gig vorbestrafter SexualtĂ€ter war, der sie erstickt hat? Keine Rechtsradikalen, von denen es auch mancherorts auch schon heißt, “sie gehören zum Stadtbild”. Und zwar ganz ohne Sozialromantik.

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