Dänen lügen nicht

16. Mai 2013

Dies ist der Start einer seit langem überfälligen (losen) Folge von kritischen, höchst subjektiven, völlig unvollständigen, mitunter willkürlichen und gern zugespitzten Kommentaren zur stets gern beschimpften und dabei am meisten gesehenen deutschen Krimireihe “Tatort”. Heute: Borowski und der brennende Mann.

Zunächst ist schwarz auf weiß festzuhalten: Das südschleswigsche Borowski-Groupie Einigsen (Lisa Werlinder) wird niemals, ich wiederhole: niemals, die wunderbare Dr. Frieda Jung (Maren Eggert) ersetzen können, einstige Hälfte des spannungsgeladensten Duos aller Tatort-Paarungen, die sich leider viel zu früh aus den Drehbüchern schreiben ließ. Es macht aber trotzdem Spaß, Axel Milberg dabei zuzuschauen, wie er mal wieder an der Interaktion mit dem weiblichen Geschlecht scheitert: “Wir schlafen in getrennten Zimmern.”

Die Figur “Sarah Brandt” wird indes in völlig unrealistischer Weise als eine Art BND-BKA-CIA-Supergoogle gezeichnet: Man setzt sie mit einer beliebigen Frage an einen beliebigen Computer, sie findet die Antwort.

Positiv hervorzuheben aus Historikersicht ist die Darstellung von Mikrofilmen; andernfalls wäre suggeriert worden, dass flächendeckend alte Lokalblättchen sorgsam gebunden konsultierbar sind und man außerdem bei vager Kenntnis direkt den richtigen Jahrgang vorgelegt bekommt.

Weniger realistisch – schön wäre es ja – erscheint, dass Zeitzeugen, die vor 50 Jahren in leitender Tätigkeit aktiv waren (z.B. führende Ermittler) heute noch durchweg rüstig und ansprechbar sind. Der im Film gezeigte Ex-Brandermittler Luth müsste nach seinem Auftritt zu urteilen mit etwa 20-25 Jahren bereits am Höhepunkt seiner Beamtenlaufbahn angekommen sein.

Historisch interessant ist das behandelte Thema der konfliktreichen Integration von Heimatvertriebenen. Allerdings bin ich zu wenig Experte der südschleswigschen Zeitgeschichte um beurteilen zu können, inwieweit die Darstellung zutrifft, lieber Dänemark angegliedert zu werden, um die pommerschen und ostpreußischen Flüchtlinge nicht aufnehmen zu müssen.

Zuviele Dialoge waren zu durchsichtig oder schlicht überflüssig. So etwa “Herr Kviesgaart”, der Däne mit Augenklappe: “Eine Verletzung aus der Kindheit”, da war doch alles klar. Dass dies dann pseudo-subtil im scheinbar gewichtigen Zwiegespräch Borowski-Brandt ausgewalzt wurde, hat es nur schlimmer gemacht; hier sinngemäß aus der Erinnerung: Oh nein, wie sollen wir jemals dieses Kind finden, irgendwo in Dänemark? – Wo war eigentlich dieser Hof? – (Frau Brandt hat irgendeine Tablet-App, in der sie alte Karten mit neuen überblenden kann.) – Moment, also, ähm, das müsste, irgendwo dort drüben, also, etwa hier… – Krass, genau da wo die Schule jetzt ist? – Fast. – Da wo die Turnhalle ist. – Aber das heißt ja… – Sie meinen…? – – – Und das alles, nachdem vorher ausdrücklich beschrieben worden war, welches Grundstück der Familie des “Störtebekers” gehörte.

Das Motiv der letztlich präsentierten Täterin kommt jedoch etwas aus dem Nichts: Warum hat sie ausgerechnet nach 50 Jahren das Bedürfnis, sich und andere zu verbrennen? Um das zu erklären, bräuchte der Kieler Tatort schon eine wirklich gute Psychologin, womit wir wieder bei der sehnsuchtsvollen Eingangsbemerkung wären.

Fazit: Die Borowski-Filme sind nach wie vor ein Genuss, zumal die Ansprüche zuletzt (außer bei W.W. Möhring) arg heruntergeschraubt wurden (Schweiger-Massaker; Laienschauspieler als Täter in Köln und im Ermittlungsteam in Saarbrücken). Doch auch die grandiose nordisch-grummelige Stimmung der Dialoge kann nicht immer über inhaltliche Plattitüden hinwegretten.

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Ein Kommentar zu Dänen lügen nicht

  1. PH on 17. Mai 2013 at 00:37

    In einer früheren Version dieses Textes hatte sich ein falsches Wort eingeschlichen, der aufmerksame Leser J.V. hat freundlicherweise darauf hingewiesen und zugleich darum gebeten, dass nachträgliche Textänderungen im Stile führender Online-Medien transparent gemacht werden. Dem ist hiermit Genüge getan. (http://www.duden.de/rechtschreibung/Genuege)

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