Kunst aus Dunst

8. MĂ€rz 2013

RegelmĂ€ĂŸige Leser wissen, dass Wettervorhersagen eigentlich nicht zu den typischen Themen dieser Seite gehören. Eher noch verstehen wir uns ja bekanntlich als Kunst-Blog mit besonderer Leidenschaft fĂŒr Mark Rothko. Doch mit diesem geschĂ€rften Blick des Liebhabers moderner Kunst kann die aktuelle Wetterkarte nicht unbeachtet bleiben. Dazu einige Überlegungen auf der Meteo-Ebene:

Wann hat man schon solche Farbvielfalt gesehen? Die IntensitĂ€t des blauen Streifens, der sich gleich einer SchĂ€rpe von der Kunsthalle Emden bis zum GrĂŒnen Gewölbe in Dresden ĂŒber Deutschland zieht. Der rote Fleck rund um Schirn und StĂ€del in Frankfurt. Dieser fast schon vulgĂ€r ins dunkelrot changierende Streifen an der französischen Grenze, um dann spielerisch durch die burgundische Pforte zu verlaufen. “16!”, schallt es uns stolz aus Freiburg entgegen, damit auch jeder merkt: Wieder einmal ist der FrĂŒhling in SĂŒdbaden auf dem Höhepunkt seiner Schaffensphase. Dagegen die “0″, passenderweise in einem von der Wetterkarte als terra incognita verwaist gelassenen Gebiet. Was mag es hier geben, fragt sich der Betrachter, in den tiefblauen Weiten zwischen Hannover und Berlin? Braunschweig, Helmstedt, Wolfsburg werden hier angemessen gewĂŒrdigt: Es ist alles einfarbiger Dunst.

Verstört bleibt der Blick an dieser Farblinie haften, dort wo die kalten, blau-grĂŒnen Töne auf den warmen, gelb-roten Bereich treffen. Woran orientiert sich diese, wie zufĂ€llig unstet zitternde Linie? Die “8″, gleich einer angedeuteten Doppelhelix genau auf der Farbgrenze postiert, lĂ€sst auf eine unfassbare TiefgrĂŒndigkeit des KĂŒnstlers schließen. Unweit östlich, wieder genau auf dem Übergang, eine zur “3″ zerrissene, halbe “8″, etwa dort, wo einst Stacheldraht und Todesstreifen Bayern von ThĂŒringen trennten. Wieder und wieder starrt der Kunstfreund diese Linie an, sie brennt sich in seine Netzhaut. Der KĂŒnstler hat hier wahrhaft ein Meisterwerk geschaffen.

Ein Geistesblitz durchzuckt den Betrachter, plötzlich wird ihm die Bedeutung der Bruchlinie bewusst, er erfasst mit einem Blick die konsumkritische Aussage des Werkes: Hier, entlang dieser scheinbar keiner Logik folgenden Kante, verlĂ€uft sie, die grenze zwischen kaltfarbigem und warmfarbigem Kommerz, zwischen dem von Blautönen beherrschten Aldi-Nord und dem gelb-orange umrahmten Aldi SĂŒd. Die Zahlen, wir haben sie naiv fĂŒr Temperaturen gehalten, weisen uns den Weg zu Versprechungen immer neuer Sonderangebote. Der Aldi-Äquator: Nie wurde er mit solch kreativer Wucht auf die Leinwand gezaubert.


Bilder (Screenshots): www.tagesschau.de; www.aldi-nord.de; www.aldi-sued.de.

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